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Ein Jahr mit drei Geschwindigkeiten

Die Wirtschaft fährt im Pandemiemodus – LogistikPlan zieht vorsichtig optimistische Zwischenbilanz

Stop and Go: die Wirtschaftskonjunktur lief in den verganenen 12 Monaten – ähnlich wie im deutschen Fernverkehr – zwischen Stau und Highspeed. Dass der Online-Handel dank der Corona-Pandemie noch stärker floriert, dürfte niemanden verwundern. Doch während mittelständische Firmen ihre Projektspur eher auf einem stabilem Kurs weiterzogen, standen andere auf der Staustrecke. LogistikPlan-Chef Stefan Gärtner zieht im Interview mit Egbert Sass zum Ende dieses ungewöhnlichen Jahres erstmals Bilanz und wagt einen Ausblick auf 2021.

Herr Gärtner, trotz der völlig neuen Rahmenbedingungen, die sich Anfang 2020 kaum jemand vorstellen konnte, ist die Wirtschaft immerhin nicht zum Stillstand gekommen. Wie lief das Jahr bei LogistikPlan?

Gerade hat die Bundesrepublik eine V-förmige Lernkurve vollzogen – auch LogistikPlan. Wir konnten uns allerdings seit unserer Firmengründung – im Sommer 2020 haben wir unser 15-jähriges Jubiläum gefeiert – in sehr vielen Regionen und Branchen etablieren, sei es in der Industrie-, Handels- oder Krankenhauslogistik. Jetzt profitieren wir von dieser Bandbreite und starten mit vollen Auftragsbüchern ins Jahr 2021!

Das hört sich gut an. Welche Höhepunkte gab es im Jubliäumsjahr?

Zu unseren Highlights zählen die Fabrikeröffnung bei Yamaichi Electronics in Frankfurt (Oder) und die anstehende Werkserweiterung für den amerikanischen Landmaschinenkonzern AGCO mit dem Tochterunternehmen Fendt, das wir am Standort Hohenmölsen in Sachsen-Anhalt unterstützen durften – mit Planungen zur Fabrikstruktur, für ein neues Logistikzentrum und zur Montageautomatisierung. Ähnliche Ausbaukonzepte konnten wir auch für viele mittelständische Produktionsfirmen realisieren, etwa den Schmierstoffhersteller Addinol in Leuna oder für die Dietzel Gruppe, einen Produzenten von Hydrauliksystemen im thüringischen Beerwalde.

Auch im Leistungsfeld Strategieberatung haben wir anspruchsvolle Aufgaben gemeistert, beispielsweise zur Neuausrichtung der Standortlogistik für das Traditionsunternehmen Fissler, für die deutschen Werksstandorte des Chemiekonzerns Wacker oder für das Logistikoutsourcing des italienischen Pharmaziekonzerns Menarini im Arzneimittelwerk Dresden.

Häufig wird behauptet, antizyklisch investierende Unternehmen ähnelten „Nessi“, dem Monster von Loch Ness: in der Literatur immer wieder erwähnt, doch in der Realität selten gesichtet. Können Sie diese These bestätigen?

Oberflächlich gesehen mag das stimmen. Aber mit unserer Innensicht als Beratungsdienstleister sehen wir, dass sich innerhalb der Unternehmen allerhand bewegt. 2020 war auffällig, dass die Firmen je nach Branche mit unterschiedlicher Geschwindigkeit auf die Coronakrise reagieren. Viele unserer Konzernkunden – vor allem in der klassischen Industrie – stehen in diesen unsicheren Zeiten eher auf dem Seitenstreifen. Wichtige Zukunftsprojekte werden bis zum Folgejahr aufgeschoben oder sogar aufgehoben. Dagegen haben unsere Kunden im Mittelstand ihre Zukunftsprojekte meist unbeirrt auf der Mittelspur weiterverfolgt. Viele von ihnen investieren antizyklisch, weil sie sich als Spezialisten in bestimmten Marktnischen fest etabliert haben und vorausschauend auf die geänderte Marktumgebung einstellen.

Geschwindigkeit ist keine Hexerei, und um in Bild der Autobahn zu bleiben: Wen sehen Sie auf der Überholspur?  

Tatsächlich ist derzeit eine Branche schneller als alle anderen unterwegs: der Onlinehandel. Schon vor der Pandemie sorgte der E-Commerce mit ambitionierten Planungen zur Standortentwicklung, Lagererweiterung und Automatisierung für ordentlich Tempo in unseren Projekten. So hat die erfolgreiche Implementierung der Fanartikel-Logistik für den FC Bayern bei der ITG gerade mal ein Jahr gedauert – einschließlich anspruchsvoller Logistiksoftware und Lagerautomatisierung mit AutoStore. In Punkto Digitalisierung, Automatisierung und Strukturwandel stehen tatsächlich alle Ampeln auf Grün – für klassische B2B-Händler wie Lindlau Bikes oder TransPak ebenso wie für Multi-Channel-Player wie r2-Bike, PUMA, KOMSA oder unseren jüngsten Kunden Cyberport.

Das hört sich doch gut an. Also alles im grünen Bereich?

Mit einiger Sorge schauen wir aktuell auf die Automobilbranche. Parallel zur Dieselkrise und zum Elektro-Umstieg dürfte die Pandemie keinen guten Einfluss auf die Kaufbereitschaft für Neuwagen entfalten. Hinzu kommt der gravierende Mangel in der deutschen Lade-Infrastruktur. Ohne Strom wird selbst der modernste Elektro-Pkw keine Chance auf Erfolg haben.

Gleichzeitig wird der ÖPNV gegenüber dem PKW immer attraktiver. Die Dresdner Verkehrsbetriebe schalten ab 2021 komplett auf grünen Strom um und führen effizientere Stadtbahnen ein. LogistikPlan unterstützt gerade die DVB und den sächsischen Energieversorger ENSO Netz mit Beratungen zur Logistikstrategie und Ersatzteillagerung.

Wie sind die wirtschaftlichen Aussichten in Deutschland aus der Sicht von LogistikPlan?

Wir schätzen ein, dass die Wirtschaft positiv ins neue Jahr starten wird. Unsere Geschäftslage ist fast schon wieder auf Vorkrisenniveau angelangt und stimmt mich optimistisch, zumal wir langfristiger denken müssen. Am Ende dieses Jahrzehnts werden wir uns vermutlich weniger über Covid-19 ärgern, sondern mehr über den Brexit und dessen Folgen. Wir werden weniger über Corona-Apps und Datenschutzverordnungen nachdenken als über die Digitalisierung kompletter Lieferketten. Gleichzeitig wird uns der Klimawandel zwingen, neue Standortstrategien, Fabrikkonzepte und Verkehrslösungen zu entwickeln – vor allem mit Blick auf eine bessere Nachhaltigkeit.

Herr Gärtner, vielen Dank für das Gespräch!